Sonderausstellungen

01. Oktober 2020 bis 31. Oktober 2022
Luthers Sterbehaus | Lutherstadt Eisleben

Raus mit der Sprache!

Die Sprache Martin Luthers hat die Welt bewegt: Seine und unsere heutige Sprache werden in unserer Mitmachausstellung „Raus mit der Sprache!“ in Eisleben erfahrbar – experimentell, interaktiv und spielerisch!

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24. Juni 2022 bis 09. Juli 2023
Augusteum | Lutherstadt Wittenberg

Tatort 1522 – Das Escapespiel zur Lutherbibel

Zum 500-jährigen Jubiläum von Luthers Bibelübersetzung präsentieren wir eine Mitmachausstellung im Escape-Raum-Format. Die Ausstellung ist für Schulklassen sowie für Familien und Erwachsenen-Gruppen geeignet.

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Wurstessen in Zürich

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09. März 2022
Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Heute vor 500 Jahren, ...

... am 9. März 1522, trifft sich im Hause des Zürcher Druckers Christoph Froschauer eine Männerrunde zum gemeinsamen Abendessen. Auf den Tisch kommt – Wurst.

Scharf geräuchert sollen sie gewesen sein, diese Würste. Ein gutes Jahr lang abgehangen und entsprechend hart. Es ist allerdings nicht die Rezeptur, an der sich im Folgenden der Skandal entzündet. Unpassend, ja im höchsten Maße anstößig ist vielmehr der Zeitpunkt des Wurstmahls. Denn der 9. März 1522 ist ein Sonntag, genauer gesagt, der erste Sonntag der vorösterlichen Fastenzeit.

In den 40 Tagen vor Ostern sollen gläubige Christen dem Lebens- und Leidensweg Jesu gedenken und Buße für begangene Sünden tun. Der Verzicht auf bestimmte Speisen bildet einen wichtigen Bestandteil dieser Buße. Fleisch ist besonders streng verboten. Aber auch andere Speisen wie Eier und sogar Käse stehen auf dem Index.

Das Befolgen der Fastengebote ist anno 1522 keine freiwillige Übung. Die Obrigkeit überwacht die Einhaltung scharf. Wer gegen die Ordnung verstößt, riskiert viel. Dabei geht es gar nicht um das kirchlich angedrohte Ticket zur Hölle, das ohnehin wohl nur wenige fürchten. Im stillen Kämmerlein hält sich längst nicht jeder an die Fastenregeln, und Ausnahmen sind durchaus statthaft. Eine ganz andere Sache ist es jedoch, in aller Öffentlichkeit Fleisch zu essen. Auf solche Aktionen stehen hohe Geldbußen, Kerkerhaft und Landesverweis.

Die in der Druckerei Froschauer versammelten Herren indessen suchen genau das: die Öffentlichkeit. Sie wollen, dass ihre Taten ruchbar werden. Aus diesem Grund befinden sich in ihrer Mitte zwei prominente Zürcher Prediger: Leo Jud, der Pfarrer von St. Peter, und Huldrych Zwingli, Leutpriester[1] an der bedeutendsten Kirche der Stadt, dem Großmünster.

Es ist keine besonders illustre Gesellschaft, die nun, buchstäblich unter den Augen der Geistlichkeit, zuerst nach einigen vollkommen fastenkompatiblen „Küechli“[2] und dann zum Wurstscheibchen greift. Die meisten von ihnen sind Handwerker, wie ihr Gastgeber. Ein Schuhmacher ist darunter, ein Weber, mehrere Bäcker. Es sind Männer der städtischen Mittelschicht. Allerdings wissen sie genau, was sie wollen: kirchliche Reformen im Sinne des Evangeliums. Um die durzusetzen, sind sie bereit, mit gezielten Provokationen Fakten zu schaffen. Und: Nicht wenige von ihnen sind ausgesprochene Wiederholungstäter.

Da ist zum Beispiel Heinrich Aberli. Der hatte bereits wenige Tage zuvor, am Aschermittwoch, für Aufsehen gesorgt, als er im Zunfthaus der Bäcker vor den Augen seiner irritierten Berufsgenossen einen Braten verspeiste. (Wie ihm der unter die Gabel gekommen war, ob er ihn selbst mitgebracht habe oder er „über den Tisch auf seinen Teller geworfen“ wurde, darüber spekulierten die Zeitgenossen noch.) Barthlime Pur, ebenfalls ein Bäcker, hatte vor seinem Besuch bei Froschauer schon einem anderen Fastenverstoß beigewohnt und bei dieser Gelegenheit ein „Winwarm“[3] verspeist. Nun geht es also um die Wurst.

Alle greifen zu, nur Zwingli lehnt ab. Wie das zu seiner sonst ganz offenkundigen Billigung der Szene passt, wird er später ausführen. Denn die Nachricht vom Wurstessen bei Froschauer verbreitet sich rasch. Weitere Aktionen folgen. Aberli etwa schockiert einige Tage später die Augustiner, indem er mitten in ihrer Kirche über das Fleischessen doziert, dann „eine Wurst aus dem Busen“ zieht und sie an Ort und Stelle aufisst.[4]

Das ist definitiv zu viel für den Zürcher Rat, der nun gerichtliche Ermittlungen aufnimmt. Froschauer und andere müssen sich verantworten. Auftritt Zwingli: Keine zwei Wochen nach dem Wurstessen nutzt er seine einflussreiche Stellung am Großmünster und thematisiert das Fastenproblem in einer Predigt. „Von Erkiesen und Freiheit der Speisen“ heißt sie und wird von seinem Freund Froschauer umgehend gedruckt. In der Predigt rechtfertigt Zwingli das demonstrative Fastenbrechen als Bekenntnis zur Freiheit. Das Fasten sei kein göttliches, sondern ein menschliches Gesetz. Es werde in der Bibel nicht ausdrücklich gefordert und sei deshalb nicht bindend. Mit anderen Worten: Wer fasten will, möge es tun – so wie sich Zwingli selbst aus freien Stücken der Wurst enthalten hat. Eine Verpflichtung dazu besteht aber nicht.

Die Fastenpredigt ist Zwinglis erste reformatorische Schrift. Die Ereignisse, die ihr in Zürich folgten, verdienen durchaus eine gesonderte Betrachtung, würden hier jedoch den Rahmen sprengen. Was bleibt, ist das Symbol. Die Reformation in Zürich begann – mit zwei geräucherten Würsten.

 

 

[1] Gemeindepriester

[2] Ein Hefegebäck, das ohne Ei zubereitet werden kann.

[3] Eine Suppe, zu deren Zutaten Wein und Eier gehören.

[4] Dies und die anderen Zitate aus: Actensammlung zur Geschichte der Zürcher Reformation in den Jahren 1519-1533, hrsg. Von Emil Egli, Zürich, 1879, Nr. 232-236.

 

Autorin: Dr. Ulrike Wendt-Sellin, Leiterin der Luthermuseen in Eisleben und Mansfeld

 

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