
Heute vor 500 Jahren, am 1. Dezember 1521, stirbt Giovanni de Medici, besser bekannt als Papst Leo X., in Rom.
Der Tod kam überraschend. Denn das Oberhaupt der Heiligen Römischen Kirche, der Nachfolger Petri, ist bei seinem Ableben keine 46 Jahre alt. Auch im Jahre 1521 ist das kein Alter zum Sterben; selbst dann nicht, wenn der Betroffene übergewichtig ist und seit einigen Tagen Erkältungssymptome zeigt. Noch am Vortag hatte Leo ein Treffen des Konsistoriums[1] angeordnet, dieses dann aber wegen Unwohlseins verschoben. In der Nacht bekommt der Papst Fieber und leidet an Atemnot. Gegen Morgen scheint sich sein Zustand etwas zu bessern. Doch der Schein trügt: Den kommenden Abend erlebt Papst Leo X. nicht mehr.
Sofort überschlagen sich die Gerüchte. Den Ärzten, die das Fieber des Patienten nicht ernst genug genommen haben, wird Nachlässigkeit unterstellt, im schlimmsten Fall gar verbrecherische Absicht. Man munkelt, es könne Gift im Spiel gewesen sein. Ein hoher Hofbeamter, der Mundschenk des Papstes, macht sich verdächtig, als er am folgenden Morgen unpassenderweise zu einem Jagdausflug aufbricht. Er wird verhaftet, auf Intervention eines Neffen des Papstes aber wieder freigelassen. Eine Verschwörung bis in höchste Kreise? Die Leiche wird obduziert – man kann kein Verbrechen nachweisen. Am Ende war es höchstwahrscheinlich eine banale Lungenentzündung, die dem Papst den Garaus machte.
Leo X., in dessen Pontifikat der Beginn der Reformation fällt, genießt bis heute einen eher zweifelhaften Ruf. Das beginnt schon bei den Berichten über seine letzten Stunden. Der Papst, so die Version seiner Anhänger, habe noch in der Nacht das Sakrament empfangen und sei am Morgen nach einem letzten Gebet verstorben. Sein Tod habe die Kurie orientierungslos und das römische Volk in Trauer und Bestürzung zurückgelassen. Andere Darstellungen versichern, Leos Tod sei so plötzlich gekommen, dass er nicht einmal die letzte Ölung empfangen konnte. Einzig sein Hofnarr habe ihm in seiner Sterbestunde beigestanden. Immerhin: Einigkeit herrscht hinsichtlich des Umstandes, dass die Begräbniszeremonie nicht sonderlich prachtvoll gewesen ist. Ein Umstand, der auch auf finanzielle Engpässe der Kurie infolge einer unverhältnismäßigen Ausgabenpolitik zurückzuführen ist.
“Intrasti ut vulpes, vixisti ut leo, obiisti ut canis”[2], soll der römische Pöbel bei Leos Ableben gespottet haben. Nach aufrichtiger Trauer klingt das nicht. Wie fast alle Päpste der Renaissance war Leo X. wenig pastoral veranlagt, dafür aber umso tiefer in die dynastische Politik seiner Zeit verstrickt. Mit sieben Jahren zum Prälaten erhoben, mit gerade einmal dreizehn zum Kardinal befördert, herrschte er als Papst nicht nur über Rom, sondern in der Nachfolge seines Vaters, Lorenzo des Prächtigen, auch über die mächtige Republik Florenz. Im selben Jahr, als Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablass verfasste – eine Reaktion auch auf Leos Finanzierungsmodell zum Neubau der Peterskirche[3] - deckte der Heilige Vater ein Mordkomplott der Kardinäle gegen sich auf, ließ den Anführer hinrichten und besetzt das Kollegium auf einen Schlag mit 31 eigenen Kandidaten, die meisten davon Verwandte. Das mag man „Vetternwirtschaft“ nennen; aus Leos Sicht – wie wohl der meisten seiner Standesgenossen – waren die richtigen Verbindungen eine Frage des (politischen) Überlebens.
Dass der Papst unter diesen Umständen wenig Interesse an theologischen Fragen hatte, dass er die immer lauter werden Rufe nach einer Reform der Kirche „an Haupt und Gliedern“ ignorierte, dass er die tiefgreifenden Ängste der ihm unterstellten Christen jenseits der Alpen nicht verstand und die wahre Kraft von Luthers Botschaft – die Hinwendung zu den Evangelien und die radikale Vereinfachung des religiösen Lebens – völlig unterschätzte: all das wird man schlechterdings nicht allein Leo X. anlasten können. Tatsächlich verhielten sich seine Nachfolger in diesen Fragen kaum geschickter. Erst unter Paul III., dessen Pontifikat 1534 begann, wurden die lang erwarteten Reformen umgesetzt. Die Realität war da schon längst eine andere. Luthers Lehren waren nicht mehr aus der Welt zu schaffen.
[1] Damals: die Versammlung der Kardinäle.
[2] Etwa: „[Ins Amt] geschlichen wie ein Fuchs, geherrscht wie ein Löwe, abgetreten wie ein Hund“.
[3] Streng genommen gebührt der Ruhm für diese Idee Leos Vorgänger, Papst Julius II. Leo griff sie allerdings dankend auf und ließ sich außerdem auf das umstrittene Geschäft mit Erzbischof Albrecht von Magdeburg ein, der im Gegenzug für die Durchführung der Ablass-Kampagne in seinen Landen einen Teil ihrer Einnahmen behalten durfte, um damit seine Schulden aus dem rechtswidrigen Erwerb des Erzbistums Mainz zu begleichen.
Autorin: Dr. Ulrike Wendt-Sellin, Leiterin der Luthermuseen in Eisleben und Mansfeld

