
Heute vor 500 Jahren, ...
... im Winter 1522, wird in Wittenberg die Reformation eingeführt.
Kenner*innen unserer Reihe werden es sofort bemerken: Wir lassen uns diesmal nicht auf ein konkretes Datum festnageln. Und da wir schon von Nägeln sprechen: Was war dann bitteschön mit Luthers weltberühmter Befestigungsaktion am Portal der Wittenberger Schlosskirche? Damit sind wir beim Punkt. Die Reformation ist ein Prozess mit langem Atem.
Luthers vielzitierte Thesen sind zunächst einmal nur ein Stück bedrucktes Papier. Der Sprengstoff liegt in ihrem Inhalt, vielmehr in der Möglichkeit, ihn Realität werden zu lassen. Was bedeutet „Reformation“ im echten Leben?
Genau diese Frage stellen sich im Winter 1522 viele Bewohner der Stadt Wittenberg: Geistliche, Universitätsprofessoren, Stadträte, Studenten, Handwerker.[1] Da hilft es nicht, dass der wichtigste Vertreter der neuen Lehre seit Monaten scheinbar spurlos verschwunden ist. Seit dem spektakulären Auftritt vor Kaiser und Reich in Worms hat man Martin Luther nicht mehr gesehen.[2]
Seine dauernde Abwesenheit hat Folgen. In Stadt und Universität herrscht theologische Orientierungslosigkeit. Andere springen in die Bresche. Andreas Karlstadt, Luthers Professorenkollege, und sein Ordensbruder Gabriel Zwilling predigen gegen das Messopfer und die Mönchsgelübde. In und um Wittenberg verlassen Mönche ihre Klöster. Priester heiraten öffentlich. Und in der Kirche machen sich junge Männer, Studenten und Handwerkergesellen, einen Spaß daraus, die Messe zu stören, den Priestern die liturgischen Bücher zu entreißen und sie mit blanker Waffe von den Altären zu verjagen.
Kaum weniger radikal geht es in gesetzten Kreisen zu. In der Schlosskirche zelebriert Professor Karlstadt 1521 die Weihnachtsmesse. Nicht nur, dass er dabei Straßenkleidung trägt; er spricht sogar die Worte, unter denen sich die Wandlung der Hostie vollzieht, auf Deutsch. Alltagskluft und Alltagssprache beim feierlichsten Akt der Liturgie? Das dürfte bei manchen für mulmige Gefühle gesorgt haben; viele sind begeistert. Am meisten Aufsehen erregt aber, dass die Empfänger des Abendmahls neben der Hostie den Kelch nehmen, und zwar mit eigenen Händen.[3] Deutlicher kann der Bruch mit den alten Riten nicht sein.
Als nächstes werden ausgerechnet Luthers geistliche Brüder, die Augustiner, aktiv. Am 10. Januar 1522 sieht man sie ihre Bilder, Heiligenfiguren und kostbaren Altäre aus der Kirche heraustragen und im Klosterhof – dem heutigen Lutherhof – verbrennen. Die theologische Begründung dazu kommt wieder von Karlstadt. Seine Schrift „Von der Abtuung der Bilder“ erscheint im gleichen Monat. Sie ist an den Rat der Stadt Wittenberg gerichtet und fordert ihn auf, mit der „Säuberung“ der Kirchen die neue Lehre endlich konsequent umzusetzen.
Angesichts der allgemeinen Unruhe tut der Rat, was man von einer ordentlichen Stadtverwaltung erwarten darf. Er erlässt eine Ordnung. Zu den Mitverfassern gehören Karlstadt, Philipp Melanchthon und andere Gelehrte. Am 24. Januar wird sie verabschiedet und regelt die künftige Gestaltung der Messe, die Reinigung der Kirchen von unerwünschten Bildern, aber auch die Einrichtung eines „gemeinen Kastens“ als früher Form der Sozialfürsorge.
Die Ordnung legitimiert eine bereits bestehende Praxis. Und mit der sind bei Weitem nicht alle einverstanden. Zu den Reformgegnern gehören besonders die Kanoniker des Kollegiatsstifts.[4] Sie wissen genau, wen sie für die Unruhen zur Verantwortung gezogen haben wollen: Karlstadt und Zwilling. Die Situation eskaliert. Am Ende beschuldigen sich Stadträte, Prediger, Stiftsherren und Professoren gegenseitig des Aufruhrs.
Dass sich die Theologen nun offenbar gar nicht mehr einigen können, ruft endlich den Stadtherrn, Kurfürst Friedrich den Weisen, auf den Plan. Der Streit, der sich bis in die Reihen der Universität selbst zieht, widerspricht dem Grundsatz „doctrina multiplex, veritas una“.[5] Wahrheitsfindung ist die vornehmste Aufgabe einer Universität. Die zunehmende Unordnung schadet dem Ruf der jungen Hochschule, und nicht zuletzt dem Fürsten selbst.
Kurfürst Friedrich weiß: Er hat mit dem quicklebendigen Luther auf der Wartburg die sprichwörtliche politische Leiche im Keller. Und mächtige Gegner obendrein, darunter seinen eigenen Cousin, Herzog Georg von Sachsen. Seit Monaten schon ermahnt der ihn, gegen die kirchlichen Neuerungen durchzugreifen. Immerhin sind sie auf dem Reichstag 1521 mit kaiserlichem Mandat untersagt worden. Die Möglichkeit einer Intervention durch Herzog Georg und das Reichsregiment[6] ist eine reale politische Gefahr. Das Letzte, was er nun brauchen kann, ist der Verdacht, die neue Lehre würde in Kursachsen zum Aufruhr führen.
So lässt der Kurfürst im Februar 1522 Ratsvertreter und Geistlichkeit aller Couleur zu Verhandlungen über die Stadtordnung heranzitieren. Er selbst bleibt im Hintergrund, verlangt aber Erläuterungen zu allen strittigen Punkten. Etliches genehmigt er, manches lässt er streichen. Zu guter Letzt liegt ein Kompromiss auf dem Tisch, den Gegner und Befürworter der Messreform gleichermaßen akzeptieren müssen. Damit wird formal die Ordnung wiederhergestellt – nach innen wie nach außen.
Aus heutiger Perspektive lässt sich das tatsächliche Ausmaß der „Wittenberger Unruhen“ kaum zuverlässig rekonstruieren. Fraglich bleibt etwa, ob es am 6. Februar 1522 einen „Sturm“ auf die Stadtkirche gegeben hat. Möglicherweise waren Luthers Mönchskollegen im Augustinerkloster die einzigen, die überhaupt Bilder verbrannten. Aus damaliger Sicht jedoch schien die Gefahr eines Aufruhrs sehr real.
Für Luther, der den Geschehnissen von der Wartburg aus nur zusehen konnte, war sie immerhin real genug, dass er wenig später, im März 1522, gegen den ausdrücklichen Befehl des Kurfürsten die Wartburg verließ und nach Wittenberg auf die Kanzel zurückkehrte. Predigend stellte er bald klar, dass die Deutung „seines Evangeliums“ niemand anderem zustehe als – ihm selbst.
[1] Sowie höchstwahrscheinlich auch die Einwohnerinnen der Stadt. Typisch 16. Jahrhundert: Ihre Gedanken zum Thema sind leider nicht überliefert. Auch durften sie keinen der genannten Berufe ausüben.
[2] Zumindest nicht öffentlich. Im Dezember 1521 ist er für einige Tage inkognito in Wittenberg.
[3] Den Wein zu trinken war bis dahin ein Privileg der Geistlichkeit, und die Hostie wurde gereicht.
[4] Das Allerheiligenstift zu Wittenberg.
[5] Etwa „Es gibt viele Lehren, aber nur eine Wahrheit“.
[6] Ein ständisches Regierungsgremium, das in Abwesenheit des Kaisers Entscheidungsbefugnisse innehatte.
Autorin: Dr. Ulrike Wendt-Sellin, Leiterin der Luthermuseen in Eisleben und Mansfeld

