
In unserer digitalen Reihe "Abgestaubt. Neues aus der Sammlung" stellen wir gefundene Schätze unserer Depots vor. Auch Neuanschaffungen und lieb gewonnene Stücke bekommen hier ihre Plattform.
Philipp Melanchthon gehörte im 16. Jahrhundert zu den eifrigsten Förderern von Astronomie und Astrologie. In zahlreichen Reden, Briefen und sogar Gedichten setzte er sich für das Studium der Sterne ein. Wer die Erscheinungen am Himmel verstehe, erkenne darin den Schöpferwillen Gottes. Deshalb beschäftigte er sich intensiv mit Planeten und Kometen sowie mit Sonnen- und Mondfinsternissen. Am 1. Januar 1554 beobachtete er in Wittenberg ein eindrucksvolles Himmelsschauspiel nämlich zwei Nebensonnen. Auch in der Nähe von Mansfeld, so berichtet er, sei dies aufgetreten.
Was Melanchthon Nebensonnen nannte, bezeichnen wir heute als Halo-Erscheinungen: Dabei treten aufgrund von Lichtbrechungen durch Eiskristalle in der Atmosphäre links und rechts der Sonne Lichteffekte auf, die wie zwei zusätzliche Sonnen erscheinen. Zu den oftmals in Regenbogenfarben leuchtenden Lichtflecken kommen manchmal noch leuchtende Halbbögen und Horizontallinien hinzu. Waren Nebensonnen besonders deutlich zu sehen, wurden sie in der Vergangenheit oft als Vorzeichen gedeutet. So etwa während der englischen Rosenkriege, wo sie 1461 den Sieg des Hauses York ankündigten, oder 1536 in Stockholm, wo sie als schlechtes Omen gegen die Herrschaft Gustav Wasas angeführt wurden. In reformationszeitlichen Flugblättern wurden häufig Nebensonnen abgebildet, die als Anzeichen für das kommende Weltende galten. Melanchthon erhielt von seinen Briefpartnern regelmäßig Mitteilungen über Nebensonnen. Von der Halo-Erscheinung vom 1. Januar 1554 war bislang nichts bekannt.
Wir freuen uns, dass wir als Stiftung Luthergedenkstätten diese bisher unbekannte Aufzeichnung Melanchthons erworben haben, aus der wir nun erstmals von dieser Himmelserscheinung über Wittenberg und Mansfeld erfahren.
Autor: Dr. Stefan Rhein

