
Heute vor 500 Jahren...
oder besser gesagt, Ende Mai 1522 erschien erstmals ein Werk Luthers im Druck, das mit 38 Druckauflagen zu einem der größten Bestseller Martin Luthers werden sollte: das Betbüchlein. Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich dabei nicht um eine klassische Sammlung von Gebeten, sondern vielmehr um eine Art Handbuch zum Glauben für Laien.
Luther reagierte damit auf die aus vorreformatorischer Zeit stammenden, sehr beliebten und verbreiteten Werke christlicher Erbauungsliteratur. An für sich hielt er selbst nicht viel von Gebetbüchern. Nach seiner Überzeugung waren die Bibel, der Katechismus mit dem Vaterunser und das Gesangbuch eigentlich als Unterstützung der persönlichen Andacht ausreichend.
Doch als zunächst im Jahr 1520 (wohl durch Johannes Agricola) und dann erneut im Jahr 1522 (durch Georg Spalatin) von Luther nicht autorisierte Sammlungen seiner Gebete auf den Markt kamen, fühlte sich Luther genötigt, selbst einen eigenen Band herauszugeben. Doch das Betbüchlein sollte nicht nur eine protestantische Variante der altgläubigen Gebetbücher werden, sondern rigoros mit den althergebrachten Konzepten brechen. Entsprechend wandte sich Luther in der Einführung gegen die bisherigen Gebetsschriften „da mit die Christen verfuret uund betrogen uund untzehlich mißglauben auffkommen sind“.
Mit einer Auslegung der 10 Gebote, einem Beichtspiegel, Auslegungen des Glaubensbekenntnisses, des Vaterunsers und Erläuterungen zum Ave Maria sowie einer Auswahl von Psalmen (später auch noch ergänzt u.a. durch Anleitungen zum Beten und Beichten) wollte Luther stattdessen neben einer Handreichung zur persönlichen Andacht auch die wesentlichen Grundlagen des neuen evangelischen Glaubens zusammenstellen. Für Luther stellte auch das Rezitieren von Glaubensinhalte und die Meditation darüber eine Form des Gebets dar. Eigene Gebetstexte Luthers enthielt der Band indes nicht. Das von Luther mehrfach überarbeitete und u.a. durch ein Kalendarium und ein Passional ergänzte Betbüchlein wurde neben seiner Bibelübersetzung und dem Katechismus zu einer seiner erfolgreichsten Publikationen. Sie wurde die Grundlage für zahlreiche mehr oder weniger eng an seiner Vorlage orientierten Nachdrucke und für (nach Luthers Tod) veränderte Neuauflagen von protestantischen Gebetbüchern.
Das Betbüchlein der Stiftung Luthergedenkstätten ist eines von nur zwei weltweit erhaltenen Exemplaren eines Nürnberger Drucks von 1527. Anders als das Exemplar im Kupferstichkabinett der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu Berlin ist der Wittenberger Band allerdings koloriert. Die 24 Illustrationen schuf der in Nürnberg geborene Kupferstecher und Maler Hans Sebald Beham, ein Schüler Dürers. Die Abbildung auf der Titelseite zeigt „Christus als Schmerzensmann“.
Spätere handschriftliche Eintragungen am Schluss des Bändchens zeugen von der wechselvollen Besitzgeschichte des Wittenberger Exemplars: Der erste bekannte Eigentümer war demnach der Hallenser Jurist Jakob Wahl (um 1490-1548). Er ließ es im Jahr 1531 im dem heute noch vorhandenen lederbezogenen und mit gepressten Verzierungen versehenen Holzdeckeleinband einbinden. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts schenkte es Adam Rudolf Solger, der Diakon von St. Lorenz in Nürnberg, dem Nürnberger Diplomat und Historiker Hieronymus Wilhelm Ebner von Eschenbach. 1858 gelangte das Betbüchlein in die Bibliothek des Grafen Otto zu Stolberg-Wernigerode. Als das Antiquariat Martin Breslauer 1931 einen Teil dieser Sammlung versteigerte, erwarb das Lutherhaus (die Lutherhalle) schließlich den wertvollen Band.
Autor: Mirko Gutjahr, Leiter der Luthermuseen in Eisleben und Mansfeld
Einblicke in das Betbüchlein

