
Heute vor 500 Jahren ...
… und zwar genau am 6. März 1522 kehrte Luther zurück nach Wittenberg. Fast zehn Monate hielt sich Luther auf der Wartburg auf, seitdem er am 4. Mai 1521 in einen vorgetäuschten Überfall entführt wurde. Um nicht erkannt zu werden, verwandelte sich der Mönch in einen Ritter, ließ sich Haare und Bart wachsen, legte die Kutte ab und zog sich neue vornehme Kleider an. Doch der neue Ritter, der sich „Junker Jörg“ nannte fiel auf, da er v. a. am Schreibtisch arbeitete und ein Buch nach dem anderen verfasste, darunter in 73 Tagen die gesamte Übersetzung des Neuen Testaments. „Unter den Vögeln, die auf den Zweigen lieblich singen…“, so beschrieb der Reformator seine Bleibe auf Zeit.
Doch es zog ihn nach Wittenberg zurück, wo um die weitere Ausgestaltung der Reformation heftig gerungen wurde: Sollte der Gottesdienst radikal verändert werden? Der Pfarrer nicht mehr im priesterlichen Gewand, sondern in Alltagskleidung? Die Hostie, also der Leib Christi, allen Gläubigen in die Hand gelegt? Nur noch deutscher Gottesdienst und keine lateinische Messe mehr? Hier wollte Luther seinen Einfluss geltend machen und für einen vorsichtigen Weg plädieren.
So machte er sich also am 1. März auf den Weg. Er verließ die Wartburg in Richtung Jena. Dort verbrachte er im Gasthaus „Schwarzer Bär“ die Nacht vom 3. auf den 4. März. Es muss heftig geregnet haben, wie der Schweizer Student Johannes Kessler schriebt, der an eben diesem Abend auf Luther traf, ohne ihn zu erkennen. In seinem Tagebuch berichtet der junge Student aus St. Gallen, der auch auf dem Weg nach Wittenberg war, von dem Gespräch. Der fremde Rittersmann fragte ihn, was man denn in der Schweiz über Luther denke: „Mein Herr, etliche können ihn nicht genug in den Himmel heben und danken Gott, dass er seine Wahrheit durch ihn geoffenbart hat, andere wiederum verdammen ihn als einen Ketzer.“
Luther reiste weiter über Borna und kam am 6. März, einem Donnerstag, in Wittenberg an. Kurfürst Friedrich der Weise war übrigens darüber überhaupt nicht erfreut, da er politische Schwierigkeiten mit dem Kaiser fürchtete, denn Luther stand nach wie vor unter der Reichsacht. Er verlangte eine schriftliche Bestätigung, dass Luther ohne sein Wissen und gegen seinen Willen zurückgekehrt sei. Mit Hilfe des Juristen Hieronymus Schurff setzte Luther gleich am 8. März das Schreiben auf, das dann auch an das Reichsregiment weitergeleitet wurde. Doch der Ärger war nicht mehr zu beheben; Luthers Rückkehr nach Wittenberg wurde zu einem religiösen Missstand im Reich erklärt.
In Wittenberg wurde aus dem Ritter übrigens schnell wieder ein Mönch: ohne Bart, mit kurzem Haar und Tonsur, weithin erkennbar an seiner Kutte. Doch es sollte seine letzte werden, denn im Oktober 1524 legte er sie endgültig ab. In der Ausstellung im Lutherhaus ist Luthers letzte Kutte übrigens bis heute zu bewundern.
Am Sonntag, den 9. März, dem Sonntag Invokavit, begann Luther mit einer Predigtreihe, die bis heute sehr bekannt ist und mit der der Reformator zahlreiche Änderungen wieder rückgängig machte, z. B. das Berühren des Sakraments durch die Laien und die weltliche Kleidung der Priester. Aber wichtig war Luther besonders, dass seine Position als geistliches Oberhaupt der Gemeinde in Wittenberg wieder allen deutlich wurde. Nach acht Predigten, gehalten bis zum nächsten Sonntag am 16. März 1522, gab es daran in ganz Wittenberg keine Zweifel mehr. Ein Zuhörer, der Student Albert Burer, schildert den Eindruck, den Luther auf der Kanzel machte: „Sein Gesichtsausdruck ist gütig, sanftmütig und heiter. Seine Stimme ist klangvoll, und ich bewundere die Beredsamkeit des Mannes. Ganz fromm ist, was er spricht, lehrt und handelt, auch wenn seine gottlosen Feinde das Gegenteil behaupten mögen. Wer ihn einmal gehört hat, verlangt, wenn er nicht aus Stein ist, ihn immer wieder zu hören.“
Autor: Dr. Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

