
Das Stammbuch von Valentin Winsheim – ein Freundschaftsalbum der Reformationszeit mit einem Eintrag von Philipp Melanchthon – kehrt zurück zu uns ins Lutherhaus nach Wittenberg, wo es 1976 gestohlen wurde.
Vor 45 Jahren wurde es aus der damaligen Dauerausstellung in der Lutherhalle gestohlen – nun kehrt es zu uns ins Lutherhaus zurück: das Stammbuch von Valentin Winsheim aus dem 16. Jahrhundert mit einem handschriftlichen Eintrag von Philipp Melanchthon. Gemeinsam mit der Staatsbibliothek zu Berlin, durch die das Buch zurückkam, startet eine Kooperation zur Digitalisierung und digitalen Präsentation von Drucken aus dem 16. Jahrhundert.
Das Stammbuch umfasst 25 Blätter im sehr selten vorkommenden Duodez-Format (9,5 cm hoch und 7 cm breit) mit 34 Einträgen, überwiegend auf Latein, aber auch auf Griechisch und Deutsch. Sie stammen aus den Jahren 1557 bis 1591. Unter den Eintragenden finden sich beispielsweise der Reformator Justus Menius, der Humanist Joachim Camerarius und – besonders bemerkenswert – eine Frau: Lucrezia von Berlepsch. Von besonderer Bedeutung für uns als Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt ist jedoch der Eintrag von Philipp Melanchthon. Er ist der erste im Stammbuch und sicherlich auch der berühmteste Beiträger. Er zitiert auf Griechisch den Kirchenvater Epiphanius (ca. 315 bis 403) und führt das Zitat mit eigenen erklärenden Worten auf Latein weiter. Für Melanchthon formuliert Epiphanius ein Kernstück reformatorischer Theologie: Der Bibeltext bedarf nicht der allegorischen Deutung, sondern der ursprüngliche Wortlaut muss durch Grammatik und logische Ordnung verstanden werden. Zudem braucht es viel Übung und Erfahrung. Melanchthon hat diesen Gedanken des Epiphanius in den 1550er Jahren häufiger in Stammbucheinträgen verwendet, allerdings immer wieder neu variiert.
Die Geschichte des Stammbuches, heute würden wir es Poesie- oder Freundschaftsalbum nennen, hat ihren Ursprung in Wittenberg. Vor allem an der Universität legten Studenten ihrem Lehrer eines seiner gedruckten Werke vor und baten ihn um einen Eintrag. Dabei waren die Widmungen der Wittenberger Reformatoren wie Luther und Melanchthon sehr beliebt. Fast zur gleichen Zeit wurde es in Adelskreisen üblich, Besucher um einen Eintrag in ein Buch aus dem Besitz des Gastgebers zu bitten. Später führte man auf Reisen kleine schmale Bücher mit Leerseiten mit sich und bat Reisebekanntschaften, Kommilitonen und Freunde um einen Eintrag.
Über Valentin Winsheim ist wenig bekannt. Er lebte von 1521 bis 1591 und stammte aus Dippoldiswalde. Er studierte Theologie in Leipzig und war später als Pastor in der ehemals kursächsischen Stadt Tennstädt in Thüringen tätig. Wo Winsheim jedoch Melanchthon traf und ihn um einen Eintrag in sein Stammbuch bat, ist bisher unbekannt.
Das Stammbuch ist seit 1913 im Besitz der Lutherhalle. Sie erwarb es bei dem Auktionshaus C. G. Boerner in Leipzig. 1976 wurde es aus der Wittenberger Dauerausstellung gestohlen und galt seitdem als verschollen. 2002 erwarb es die Staatsbibliothek zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz bei einer Auktion der Galerie Gerda Bassenge, nicht wissend, dass es sich um Diebesgut handelte. Nach Abschluss einer entsprechenden Vereinbarung erfolgte nun die Rückgabe an uns, Stiftung Luthergedenkstätten. Mit der gleichzeitig gestarteten Kooperation stellten wir der Staatsbibliothek Drucke aus dem frühen 16. Jahrhundert bereit, die sie digitalisiert und über ihre digitalen Sammlungen öffentlich präsentieren wird. Darunter befindet sich auch das Klugsche Gesangbuch von 1533, in dem erstmals der Choral Martin Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ erschien. Dieses ist bereits online unter http://sbb.berlin/1cnblj einsehbar.
Das Stammbuch befindet sich nun in unseren Sammlungen und wird zukünftig Bestandteil der Dauerausstellungen im Luther- oder Melanchthonhaus sein.
Pressemitteilung "Das Stammbuch von Valentin Winsheim kehrt zurück ins Lutherhaus" als PDF

