
„Vor 500 Jahren“ ist das Motto unserer Vortragsreihe. Der 5. Mai 2021 bietet jedoch Anlass, in eine jüngere Vergangenheit zurückzublicken: Vor 200 Jahren starb Napoleon. Auf den ersten Blick scheint dieses Datum wenig mit dem Lutherhaus zu tun zu haben. „Abgestaubt“ schaut genauer hin.
Depotumzüge fördern unvermutete Funde zu Tage: Unbekanntes, Vergessenes, Verlegtes, Verstaubtes. Ende letzten Jahres brachten wir die Wittenberger Sammlungen der Stiftung Luthergedenkstätten in das neue Depot und prüften im Anschluss die Handschriftenbestände. Dabei staunten die Beteiligten nicht schlecht, was sie da in Händen hielten. Rund 7.500 Handschriften besitzt die Stiftung, darunter viele, die man niemals im Lutherhaus vermuten würde, denn sie haben nichts mit der Reformation zu tun. Sie gelangten hierher, weil sich Autografe – eigenhändige Briefe berühmter Menschen – großer Beliebtheit erfreuen. Bisweilen reicht sogar allein die Unterschrift, und das Sammlerherz schlägt höher. Julius Jordan, prägender Kurator der Lutherhalle von 1912–1924, war ein solcher Autografenjäger. Er tätigte umfangreiche Ankäufe, bei denen nicht immer der Reformationsbezug, sondern manchmal der „große Name“ das Kaufargument war.
Einer der bekanntesten Namen überhaupt ist sicher Napoleon. Vor 200 Jahren starb der verbannte Ex-Kaiser auf der gottverlassenen Atlantikinsel St. Helena, sein Mythos aber ist quicklebendig. Der Jahrestag ist Anlass für Historiker und Kulturredaktionen, sich erneut mit dem gar nicht so kleinen Korsen (1,68 m) auseinanderzusetzen.
Napoleon Bonaparte begann seinen außergewöhnlichen Aufstieg als Militär in der Französischen Revolution, wurde Erster Konsul und Kaiser der Franzosen und stürzte nach der sprichwörtlich gewordenen letzten Niederlage 1815 bei Waterloo ins Nichts. Dazwischen lagen glanzvolle militärische Triumphe, die Eroberung des größten Teils Europas, der Sturz alter Monarchien und die Errichtung neuer von Napoleons Gnaden (die der Kaiser mit seinen Geschwistern, den „Napoleoniden“, besetzte), immer wieder Krieg, blutige Schlachten und Zerstörung, aber auch das (in vielen Bereichen) fortschrittliche französische Gesetzbuch, der Code Napoléon, das in den französischen Vasallenstaaten eingeführt wurde. Napoleon war Europas „Traum und Trauma“ (so ein Ausstellungstitel 2011).
Die Zeitgenossen schieden sich in glühende Verehrer und Napoleon abgrundtief hassende Feinde. Was sie eint, ist, dass die meisten von ihnen in der Handschriftensammlung der Stiftung Luthergedenkstätten vertreten sind: Politiker, Militärs, Intellektuelle (jeweils Franzosen und Deutsche), gekrönte Häupter quer durch Europa und natürlich die Napoleoniden. Einige sollen kurz mit ihren Unterschriften vorgestellt werden. Hobby-Graphologen sind eingeladen, ihre Schlüsse zu ziehen.
Beginnen wir mit dem Kaiser selbst: „Approuvé Nap“ (genehmigt Nap[oleon]) hat er 1811 mit kräftigem Federstrich an den Rand des Berichts seines Kriegsministers geschrieben. (Bild 2)
Joachim Murat (1767–1815), legendärer Reitergeneral, war eine der schillerndsten Gestalten unter den Marschällen Napoleons. Hier unterschrieb der mit Titeln überhäufte Schwager Napoleons und deshalb König von Neapel 1805 als „Admiral de l’Empire“. (Bild 3)
Einer der bekanntesten Marschälle war Michel Ney (1769–1815). Er unterzeichnete diesen Brief von 1812 als „Duc d’Elchingen“. Die Marschälle führten Titel, die an ihre erfolgreichen Schlachten erinnerten. (Bild 4)
Emmanuel de Grouchy (1766–1847) ist die tragische Figur unter den Marschällen. Er erschien mit seinen Truppen zu spät bei Waterloo, um den Tag für Napoleon zu retten. Der Brief ist von 1817, die Unterschrift auffallend verschnörkelt. (Bild 5)
Die Preußen unter Blücher (1742–1819) hingegen kamen gerade noch rechtzeitig, um die Schlacht für die Alliierten zu entscheiden. Hier schrieb „Marschall Vorwärts“ 1806. (Bild 6)
Arthur Wellesley (1769–1852), besser bekannt als DER Herzog von Wellington, wartete bei Waterloo verzweifelt auf die Preußen („Ich wünschte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen“) und wurde durch den Sieg über Napoleon zum englischen Heros. Der Brief stammt von 1809. Zu dieser Zeit begann Wellingtons militärische Erfolgsserie auf dem spanischen Kriegsschauplatz. (Bild 7)
Zum Abschluss sei noch ein kurzer Blick in ein anderes Sammlungsstück gestattet: Unser ältestes „Einschreibe-Buch“ (Besucherbuch) belegt, dass kurz nach der preußischen Niederlage gegen Napoleon im Oktober 1806 bei Jena und Auerstedt französische Namen unter den Besuchern der Lutherstube auftauchen. Ein Name sticht besonders hervor: „Monsieur Denon“. Dominique-Vivant Denon, der „Directeur Général du Musée de l’Empire“, begleitete als Kunstsachverständiger die napoleonischen Heere und betrieb im kaiserlichen Auftrag und entsprechend großen Maßstab Kunstraub. Er requirierte Kunstwerke und Bibliotheksbestände, die dann nach Paris gebracht wurden, um die Schätze des Louvre zu mehren. Bekanntestes Beispiel ist die Quadriga vom Brandenburger Tor in Berlin.
Was Monsieur Denon (Spitzname: das Auge Napoleons) wohl vom Lutherhaus dachte? Ob er etwas „mitnahm“? (Bild 8)
Nach diesem graphologischen Ausflug in die Weltgeschichte geht es das nächste Mal um Einblattdrucke, Heilpflanzen und – vor allem – den Klappbiber. Zum Internationalen Museumstag am 16. Mai meldet sich „Abgestaubt“ zu neuen Funden und ihrer künftigen Bearbeitung im Lutherhaus. Wir freuen uns auf Euch!
Autorin: Anne-Katrin Ziesak
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